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Dieter Nuhr 2007

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BOCHOLT Ob Dieter Nuhr die „Bocholter Pepperoni“ nicht doch ein bisschen zu Kopf gestiegen ist? Kaum war ihm im Städtischen Bühnenhaus der Nordrhein-Westfälische Kleinkunstpreis verliehen worden, da begann der Kabarettist mit seinem Programm „Nuhr die Wahrheit“ zu hadern. „Im Grunde hat das alles gar keinen Sinn, was ich hier mache“, zweifelte Nuhr laut vor dem Publikum. Denn der Mensch verstünde sich aufs Lügen. Und über die Wahrheit zu reden, bereite nur üble Laune. Auch über Religionen wolle er nicht sprechen, weil die nichts mit der Wahrheit zu tun hätten. Was der Frisch-Gekürte dann aber doch tat, weil es ihm mehr um die Lügen als um die Wahrheit ging.
„Beim Katholizismus darf man eigentlich alles machen“, witzelte er. Man müsse nur hinterher Bescheid sagen. Auffallend war, dass Nuhr selten bei einem Gedanken verweilte und wie ein wortreicher Akrobat zwischen den Themen sprang. Hatte er eben noch über Leistungsdefizite in der Team-Arbeit (Nuhr: „Ein Team ohne einen Idioten macht keinen Sinn“) geplaudert, so wunderte er sich im nächsten Moment über die fußballbegeisterte Angela Merkel: „Wie die den Klinsmann abgeküsst hat, nee!“
Doch die Gedankensprünge haben Methode und fordern die ganze Aufmerksamkeit des Zuhörers. Auch dass der Kabarettist oft die Stimme senkt, wenn er sich der Pointe nähert, ist raffiniertes Kalkül. Ob er nun über Traueranzeigen sprach („Nirgends wird so viel gelogen wie bei Todesanzeigen“), die Schöpfungsgeschichte nach Pannen abklopfte oder mal wieder die geschlechtsspezifischen Unterschiede aufs Korn nahm – Nuhrs hellsichtige Recherchen über das Lügen ließen kaum ein Thema aus und unterhielten vorzüglich.
Und wenn er zwischendurch mal wieder eine Statistik bemühte, ging mit ihm der ausgebildete Lehrer, der er eigentlich ist, durch. Brüllend komisch war das Experiment mit den leeren Stühlen im Wartezimmer: 75 Prozent der Frauen setzten sich just auf den Stuhl, der zuvor mit „einem Hauch“ von männlichem Schweiß benetzt worden war. „Die anderen 25 Prozent hatten ihre Regel“, meinte Nuhr.
Mit ihren Geschenkideen wiederum kamen bei ihm die Männer schlecht weg. Denn wenn sie ihrer Angebeteten sexy Unterwäsche kaufen, würden sie sich doch nur selbst beschenken. Fast zum Verhängnis wurde dem gebürtigen Weseler, als er aus dem Nähkästchen plauderte und verriet, dass ihm eine Freundin einmal Gästehandtücher geschenkt habe. Als er sich nämlich zum Schluss den Fragen des Publikums stellte, wollte eine Besucherin wissen, was aus den Textilien geworden sei. „Bist du’s, Heike?“ fragte Nuhr zögernd. „Das hätten Sie wohl gerne!“ erwiderte die Unbekannte. Und alle lachten.

Der dritte Preisträger
Der Nordrhein-Westfälische Kleinkunstpreis, die „Bocholter Pepperoni“, wurde am Samstag zum dritten Mal verliehen. Vor Dieter Nuhr erhielten Urban Priol und Volker Pispers die Auszeichnung.

VON MICHAEL STUKOWSKI, BBV

Kleinkunstpreis mit 15 000 Euro dotiert
BOCHOLT (st) Eigentlich sollte er ja die Laudatio für den neuen Kleinkunst-Preisträger Dieter Nuhr halten. Aber das Lästermaul Urban Priol konnte seine Zunge einfach nicht im Zaume halten und frotzelte erst mal ausgiebig über den „7-Jahre-Ehevertrag“. Dann hagelte es noch kräftig Seitenhiebe auf Politiker wie Angela Merkel oder den „Transrapid“ Edmund Stoiber. Den amüsierten Besuchern im ausverkauften Städtischen Bühnenhaus war das nur recht, denn die Stimmung hätte wohl kaum besser angeheizt werden können. Schließlich kriegte Priol doch noch die Kurve. Zwar habe jetzt Nuhr Verdienstausfälle, weil er in zwei Jahren selber eine Laudatio halten müsse. Dafür sei das Preisgeld jedoch steuerabzugsfrei. „Ich meine, es gibt Schlimmeres als die Bocholter Pepperoni“, rief er seinem Kollegen voller Ironie zu.
Bürgermeister Peter Nebelo wiederum erinnerte in seiner Grußrede an den griechischen Philosophen Aristoteles. Ähnlich wie in dessen klassischer Tragödienlehre könne heutzutage doch auch der bissige Humor den Zuhörer „reinigen“, meinte Nebelo. „Erschüttern Sie uns! Lassen Sie den Saal erbeben!“ forderte er den Kabarettisten Dieter Nuhr auf. Auch die Verdienste des Ehepaars Christa und Klaus Hoffs, die mit der Bühne Pepperoni seit Jahren das kulturelle Leben in Bocholt bereichern würden, erwähnte Nebelo.
Warum der Nordrhein-Westfälische Kleinkunstpreis „Bocholter Peperoni“ und das Preisgeld von 15 000 Euro diesmal an Dieter Nuhr gegangen seien, verriet anschließend Christa Hoffs. Selbst die verheerendsten Wahrheiten könne Nuhr so aussprechen, dass der ganze Saal vor Vergnügen toben würde, meinte sie. Und erntete dafür tosenden Applaus. Für die musikalischen Zwischenfarben sorgte die Sängerin Miryam Stober, die von Matthias Fleige (Posaune) und Christoph Berghorn am Flügel begleitet wurde. Das Trio stellte die neue „Pepperoni-Erkennungsmelodie“ vor, die Berghorn komponiert hat.