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Frank Lüdecke

eingetragen in: 2009 - 2010 | 0

Geschliffen und fast druckreif …

Von Michael Stukowski

Bocholt-Barlo. Kaum hat er den deutschen Kabarettpreis gewonnen, da nimmt Frank Lüdecke den Mund auch schon wieder voll. Doch nicht laut und schallend, sondern eher feinsinnig und singend. In deutschen Landen mache sich eine umfassende „Verwilderung“ breit, behauptete der Kabarettist bei seinem abendfüllenden Abstecher auf der Bühne Pepperoni. So laute der erste Satz aus Angela Merkels Regierungserklärung: „Die Folgen der Krisen müssen überwunden werden“. Das könne sein Sohn genauso gut formulieren, frotzelte der Kleinkünstler. Denn wenn der nicht seine Hausaufgaben machen würde, hätte er ein gravierendes Problem.

Auffallend geschliffen, ja fast druckreif redete Lüdecke, als er den Politikern ans Eingemachte ging. Auch vor der ehemals rot-grünen Regierung kannte er kein Pardon. „Das war die Zeit, als Pfandflaschen mehr Rechte hatten als Asylbewerber“, winkte er ab. Dass sich das Land in einer ernsthaften Identitätskrise befinde, sei allein schon demographisch beweisbar: Die deutsche Bevölkerungspyramide hätte bereits die Form einer Urne angenommen, warnte Lüdecke. Denn es gebe in Europa nur ein Land mit einer niedrigeren Geburtenrate, und das sei der Vatikan.

Wohl damit man bei seinem intellektuellen Tempo mithalten konnte, streute der Wortverdreher immer wieder süffisante Lieder ein. Die spielte er auf einer E-Gitarre, die äußerlich wie eine Designer-Kreation anmutete. Und das durchaus wirkungsvoll: Fetzige Melodien mit hohem Wiedererkennungswert („Norwegean Wood“ oder „In the year twenty-five“) reicherte er so hintersinnig an, dass die Besucher schallend lachten. So sang er im Stil von Reinhard Mey über eine Herrensocke und nahm damit das Urteilen nach dem schönen Schein auf den Arm.

Und die allgemeine „Verwilderung“ im Lande? Die zeige sich auch am Verfall der Werte, glaubt Lüdecke. Bestes Beispiel: Die Jugend. Sie sei total verunsichert, weil man nicht wisse, dass man einen am Boden liegenden Rentner nicht treten soll. Als Erklärungsmuster komme weniger das Internet (Lüdecke: „Das hat für den Menschen mit überhöhtem Geltungsdrang viele Möglichkeiten geschaffen“) als vielmehr die moderne Hirnforschung in Betracht. Letztere könne nicht nur erklären, warum man gerade diese Person zum Ehepartner hat („wegen einer unkontrollierten Verpuffung von Botschaftsstoffen“) – sie eigne sich auch vorzüglich zum Beichtgang. Am Ende, so Lüdecke, erkläre der Hirnforscher eben, dass an allem nur die „Monoaminoxidase“ und der geringe Serotoninspiegel schuld seien.