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Hagen Rether

eingetragen in: 2006 - 2007 | 0

Im Bocholter Stadttheater lieferte er jetzt am Wochenende ein abendfüllendes Festival von Bonmots, das nicht eine Sekunde lang durchhing.

Von Michael Stukowski, Bocholter-Borkener-Volksblatt
BOCHOLT Wir werden von Gammelfleisch regiert. Das jedenfalls sagt Hagen Rether. Als der Kabarettist jetzt mit der Bühne Pepperoni im gut besuchten Städtischen Bühnenhaus gastierte, ließ er an der Polit-Prominenz kein gutes Haar. „Wir sind über 80 Millionen Bundesbürger. Wieso kriegen wir immer dieselben dreieinhalb Köpfe vorgesetzt?“, fragte er süffisant. Und spielte damit besonders auf die Stehaufmännchen Peer Steinbrück, Sigmar Gabriel und Edmund Stoiber an. Letzteren taufte er „den letzten Humoristen und Freigeist“. Und das im besten Sinne des Wortes, weil Stoiber seiner Ansicht nach ganz frei von jeglichem Geist sei. Die messerscharfen Kommentare, die Rether drei Stunden lang unters Volk schüttete („Sie sollen für Ihr Geld auch etwas bekommen“), kamen bestens getimed und hatten oft einen bitterbösen Hintergrund. So böse, dass einem zuweilen das Lachen im Halse stecken blieb.
Gerade noch hatte er den „beschissenen Sommer“ beklagt und bedauert, dass „ein bisschen Klinsmann“ nicht über die grotesken Selbstvermarktungen eines Günter Grass oder Peter Handke hinwegtäusche, da kam er auf die monströse Libanon-Auseinandersetzung („7000 Angriffe in wenigen Wochen“) zu sprechen. Lässig, so als würde er vom Thekenhocker aus laut über die Verlogenheiten der Welt sinnieren, servierte er seine hintergründigen Attacken. Und zog mit seiner seelenruhigen Art rasch die Besucher in den Bann.
Rücksichtslos und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen zog er gegen die weltweiten Ungereimtheiten ins Gefecht. Selbst Papst Benedikt XVI bekam sein Fett ab. Eine einzige „Monty-Python-Nummer“ sei das „Papa-Mobil“, provozierte Rether und holte noch weiter aus: „Wenn der Hirte schon Angst hat vor den eigenen Schäfchen – was macht der erst, wenn der böse Wolf kommt?“
Und überhaupt die Kirche: „Alle zahlen Steuern und keiner geht hin!“ beschrieb das Lästermaul die aufkeimende Unfrömmigkeit. Zwischendurch löffelte der gebürtige Essener zwei Becher Joghurt („Ich habe eine Darmflora wie ein Baby“) und outete sich freimütig als „Sitzpinkler“. So richtig zur Hochform lief er auf, wenn er seine Frechheiten mit Klaviermusik garnierte und zwischen Bach und Beethoven auch mal einen handfesten Blues platzierte.
Rethers saftige Persiflage „Frauen“ auf Herbert Grönemeyer, bei Kabarett und Comedy ohnehin ein gern gesehener Gast, erntete wie vieles an diesem Abend einen Szenenapplaus. Und das zu Recht: Ein abendfüllendes Festival von Bonmots zu liefern, das nicht eine Sekunde lang durchhängt – das können wirklich nur die Meister dieses Genres leisten.

Der „Sitzpinkler“
Der Kabarettist Hagen Rether hat im vergangenen Jahr fast alle Kleinkunstpreise erhalten, die es in Deutschland gibt. Spitzfindige Äußerungern mit einem guten Schuss schwarzem Humor, die er oft mit Klaviereinlagen würzt, sind sein Metier. Der gebürtige Essener bezeichnet sich als „Sitzpinkler“.