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Hagen Rether 2011

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Seelenruhige Bissigkeit

NRW-Kleinkunstpreis: Hagen Rether erhält die „Bocholter Pepperoni“ und dankt mit scharfzüngiger Satire NRW-Kleinkunstpreis: Hagen Rether erhält die „Bocholter Pepperoni“ und dankt mit scharfzüngiger Satire
Bocholt. Besonders aufgeregt wirkte Hagen Rether nicht, als ihm Christa Hoffs im ausverkauften Stadttheater die „Bocholter Pepperoni“ überreichte. „Gehen wir nach Hause?“ meinte er danach zu Christoph Sieber, der die Laudatio gehalten hatte. Und reichte den Scheck mit dem Preisgeld an die Fans weiter mit den Worten: „Spendet ihr das!“Die Ruhe in Person war der Kabarettist auch, als er anschließend sein Programm „Liebe“ präsentierte. Fast drei Stunden lang feuerte er wie am Fließband bissige Bonmots und Hintergründigkeiten ab, ohne zu stocken oder langatmig zu werden – das macht ihm so rasch keiner seiner Gilde nach!Im politischen Fahrwasser fischte Rether im ersten Teil des Abends. Neben der üblichen Terrorismus-Warnung zu den Weihnachtsfesttagen und dem Zeckenalarm im Wonnemonat Mai kitzelten besonders Politiker wie Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg seine kabarettistische Zunge. „Seit wann gehen denn Politiker ab, wenn sie gelogen haben?“ witzelte er. Dann müsste ja der ganze Bundestag leer sein.Ob das Lästermaul laut über die Privatisierung der Berliner Wasserwerke und die Tariflöhne der Chinesen nachdachte, den Stalinismus-Vorwurf gegen Sarah Wagenknecht aufs Korn nahm oder die Rolle Griechenlands innerhalb der EU hinterfragte – wer den giftigen Tiraden, die Rether seelenruhig vom Stapel ließ, aufmerksam zuhörte, begriff bald: Hier nimmt einer die Ungereimtheiten und Widersprüche einer Welt, die immer verstrickter und widersprüchlicher wird, messerscharf auseinander. Und spricht Missstände an, für die Täter und Zuschauer gleichermaßen verantwortlich sind.Gut, dass Rether stets langsam sprach und immer wieder Floskeln wie „Schreiben Sie doch mal einen Leserbrief an Plasberg“ einstreute. Denn das Karussell seiner Themen drehte sich so rasch, dass einem schwindlig werden konnte. Natürlich bekamen auch seine Lieblingsfeinde, der Papst und die anderen „Hirten“ der katholischen Kirche, ihr Fett ab. »Ein einsamer Leuchtturm im Meer der kleinen Lichter«Christoph Sieber über Rether Mut zur Dunkelheit bewies der Kabarettist im zweiten Teil des Programms: Gerade hatte er noch über die „durchritualisierten Talkshows mit den immergleichen Dauergästen“ auf höchstem Niveau gelästert, da ließ er im Stadttheater das Licht ausmachen und spielte minutenlang im Dunkeln auf dem Klavier. Die jazzig bis balladesken Takte waren so aufregend wie die Themen, die anschließend bei Licht folgten. So riet Rether den Zuhörern, den Fleischkonsum einzuschränken und den eigenen Urlaub lieber daheim zu verbringen anstatt mit Interkontinental-Fliegern die CO2-Ausschüttung zu fördern. Oder spielte genüsslich ein Schlaflied, als er über das Zuwanderungs- oder besser: „Auswanderungsland“ Deutschland und seinen verfehlten Religionsunterricht redete.Sein abendfüllender Ausritt durch die sumpfigen Themenlandschaften Deutschlands bewies eindrucksvoll, dass ihm die „Bocholter Pepperoni“ völlig zurecht serviert worden ist. Hier gab sich einer der scharfzüngigsten Kabarettisten die Ehre. Oder um mit Christoph Sieber zu reden: „Ein einsamer Leuchtturm im Meer der kleinen Lichter“.Michael Stukowski

Info

Im 2-jährigen Turnus wird die Ehrung für einzelne Künstler oder Gruppen verliehen, die bereits auf den Brettern der Bühne Pepperoni gestanden haben. Es ist der höchstdotierte Kleinkunstpreis Deutschlands. Das Preisgeld in Höhe von EUR 15.000,00 wird von den unten stehenden Firmen gesponsert.
VON MICHAEL STUKOWSKI, BBV