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Lars Reichow

eingetragen in: 2005 - 2006 | 0

Von Michael Stukowski, Bocholter-Borkener-Volksblatt
Bocholt Warum nehmen die Deutschen alles so schwer? Und warum sind sie die ungekürten Weltmeister im Klagen? Fragen, denen der Kabarettist Lars Reichow jetzt auf höchst amüsante Weise in der Aula des St. Josef-Gymnasiums nachging. Auch wenn seine Antworten (sinngemäß: „Nehmt Euch nicht so wichtig und trinkt lieber mit Eurem Nachbarn eine Flasche Wein, als ihn zu verklagen“) wenig tröstlich sind: Als Allheilmittel gegen die typisch germanische Depression taugte sein Programm „Glücklich in Deutschland“ allemal.
Eine Klasse für sich waren allein schon die Lieder, die er auf dem Klavier bot. Ob er nun in Herbert-Grönemeyer-Manier „Wir sind die Sieger“ ins Mikrofon fetzte oder an eine unbekannte Verflossene die smarte Liebesballade „Du bist mein schönster Traum“ adressierte und dabei an den jungen Konstantin Wecker erinnerte – seine musikalischen Arrangements wirkten so geschliffen und ausgeschlafen wie die selbst geschriebenen Texte.
Feine Unterschiede machte der selbst ernannte „Klaviator“ indes in der Geschlechterfrage: Werden die Frauen bei ihm besungen, so geht er mit den eigenen Geschlechtsgenossen schon mal in ein verbales Gericht. Hatte der Mann als Neanderthaler noch echte Jagd-Highlights zu verbuchen, so „eiert“ er jetzt nur noch als Familienvater oder gemeinnütziger Arterhalter durch die Gesellschaft, glaubt Reichow. Dabei erinnere er an einen Hund: Er ist treu, redet nicht und hört auch nicht zu. Kratzt morgens an die Tür und markiert abends auf dem Heimweg sein Revier.
Während Reichow so redet und sich damit auch selber auf die Schippe nimmt, steht er lässig wie ein Hausherr da, der einem die Wohnungseinrichtung zeigen will. Die Hände fast immer tief in den Jackentaschen vergraben, erklärt er so nebenbei, warum seine bessere Hälfte so viel „Natur-Gedöns“ ins Haus holt („Bei Einbruch der Dunkelheit setzt der Dekorationstrieb der Frauen ein“). Oder er sitzt auf der Couch, die langen Kunstpausen genießend, mit denen er Spannung provoziert. Er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, der seine Umwelt genau beobachtet. Und gerne pseudovertraulich aus dem Nähkästchen plaudert, bevor er sarkastische Giftpfeile abfeuert.
Vor seinen verbalen Rundumschlägen bleibt der deutsche Nörgeltourist, der die Welt nur aus der Sicht der Hotelfrühstücksbuffetts betrachtet, genauso wenig verschont wie die Kreditkarten-Elite und die Heimwerker, die den Restaffen in sich im Baumarkt auszuleben versuchen. Zu den schönsten Beiträgen des Abends zählte sicher „Es war einmal ein Land“, jenes Lied, das mitten durch den deutschen Wohnzimmer- und Schlagzeilensalat führt. „Nicht „Hartz, zwo, drei vier“ oder „Oliver Kahn“, der hält, was er verspricht, sind die bundesdeutschen Lösungswege aus der Depression, sondern der Blick über den eigenen Tellerrand und auf Europa.
Ein Paradebeispiel für Reichows Wortwitz und Gedankenschärfe. Bitte melden, wer da noch pointierter die deutschen Sauertöpfe abschöpfen kann!