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Mathias Tretter

eingetragen in: 2008 - 2009 | 0

VON MICHAEL STUKOWSKI
BOCHOLT In den Altenheimen wird Babybrei verfüttert, 50-jährige Männer streifen sich plötzlich knallenge Trikots über und entdecken – mit „unabsehbaren ästhetischen Folgen“ – das Fahrradfahren und wechseljährige Damen stöbern entrückt in „Harry-Potter“-Romanen herum. Mathias Tretter hat schillernde Visionen, wenn er über die aussterbenden Deutschen herzieht. Wie schwindelfrei der gebürtige Würzburger das Themen-Karussell in seinem Programm „Staatsfeind Nr. 11“ bedient, davon konnten sich jetzt die Besucher der Bühne Pepperoni überzeugen.
Im St.-Josef-Gymnasium fällte der Nachwuchskabarettist ein vernichtendes Urteil über die Lage der Nation und hatte doch rasch die Lacher auf seiner Seite. Am Ende dürfte auch der letzte Zuschauer begriffen haben: Der Mann mit dem Schlafzimmerblick, der optisch zwischen dem Schauspieler Klaus Kinski und der 68er-Ikone Rudi Dutschke rangiert, war hellwach. Das bewiesen schon die Attacken auf die Polit-Prominenz.
Zwar bedeute der Abgang von George W. Bush, der sich hirnmäßig nur unwesentlich von den Einzellern absetze, für die Kabarettisten einen herber Verlust. Dass sein Nachfolger Barack Obama aber zuerst nach Baden-Baden und nicht nach Berlin gereist sei, ist für Tretter allein schon wegen der Nähe zum „Schwarz-Wald“ folgerichtig gewesen. Mit drastischen Bildern und raffinierten Gedankenspielen fiel der „Exil-Bayer“ über seine Opfer her. Dabei verschonte er nicht die eigene Heimat. „Für den fränkischen Dienstleister ist der Kunde so etwas wie ein Taliban“, meinte Tretter. Und outete sich als „Jung-Hugenotte“, der früher RAF-Fahndungsplakate zum Muttertag verschenkt haben soll.
Die Drei-Wetter-Taft-Hysterie in den deutschen Historienfilmen (Zitat: „Dresden im Bombenhagel, aber die Frisur der Hauptdarsteller hält“) ist ihm genauso suspekt wie manches Umschulungsprogramm. So sollen in Nordrhein-Westfalen Prostituierte als Pflegekräfte eingesetzt werden, weil diese weniger Ekelgefühle und Berührungsängste hätten. Clever findet er dagegen die Verstaatlichung der Banken. Denn dann könne der Staat doch von den Banken die Zinsen ernten, bei denen er sich die Kredite nehme.
Besonders herzlich lachten die Zuhörer, als Tretter in die Haut eines lässigen Spitzenmanagers schlüpfte. Fazit: Sie seien geächtet wie einst die Juden. Nur diesmal mit „dem Stern auf dem Auto“. Auch sparte er nicht an Selbstironie, als er seine kabarettistischen Auftritte bei den von ihm ach so verhassten Managertagungen beschrieb. 20 000 Euro habe man ihm einmal für eine halbe Stunde geboten. Da zeigte es sich, wie käuflich selbst die kritischsten Spaßmacher der Nation sein können.