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Thomas Reis

eingetragen in: 2005 - 2006 | 0

Von Michael Stukowski , Bocholter-Borkener-Volksblatt
BOCHOLT Hat er nun Angst vorm Altern, oder haben die Alten nur Angst vor seiner spitzen Zunge? Egal: Der Kabarettist Thomas Reis verstand es bravourös, die Bühne Pepperoni in ein süffisantes Seniorenheim zu verwandeln. Dabei war sein Auftritt eine Art Eigenversuch, bei dem der Mittvierziger sein Publikum zur Selbsthilfegruppe erklärte. Als sich sein Programm „Gibt’s ein Leben über 40“ dem Ende näherte, outete er sich auf herzerfrischende Weise. „Ich mach‘ noch schnell ein Gruppenfoto von mir“, meinte Reis.
Zwei unterschiedliche Halbzeiten bot der Komödiant. Rasant, pointiert und scharf an der Gürtellinie entlang ging es bis zur Pause zu. Da wühlte Reis schlagfertig im Alphabet herum und machte sich beim Anfangsbuchstaben über den Altersstarrsinn der Politiker her. Neben der Regierungskoalition („Tri-Angela“) nahm er besonders Ex-Kanzler Schröder aufs Korn. Einen „Unicef-Botschafter der Russenmafia“, der es vom „Fulltime-Schwätzer zum Freizeit-Schweizer“ gebracht habe, nannte er ihn. Weiter ging es im Alphabet mit Tony Blaire, der zum „Polit-Freak“ mutiert sei, weil er nicht zwischen Frieden und Krieg unterscheiden könne.
Und bei George Dabbeljuh Bush („Wenn es Gott für richtig hält, mal wieder durch einen Bush zu sprechen, dann sollte man den auch vorher anzünden“) wurde der Szenenapplaus richtig heftig. Spätestens die Stoiber-Persiflage machte deutlich, wo Reis schwächelte. So gut er auch den stammelnden Bajuwaren in Sprachstil und Mimik traf, seine Körpersprache und Gestik blieben in vielen Szenen steif. Das sollte sich erst nach der Pause etwas legen.
War vor seiner Lästerzunge („Frauen tun sich mit dem Altern leichter, sie fangen früher damit an“) bis zuvor nichts heilig, so streifte Reis jetzt auch mal philosophischere Themen. Und er agierte befreiter und temperamentvoller auf der Bühne. Mal berlinerte er auf dem Kudamm über Stoiber, um danach über militante Altväter elegant an der Schamgrenze der Geschmacklosigkeiten entlang zu plappern. Originalzitat: „Krieg ist die Erotik alter Männer – wenn nichts mehr spritzt, dann wenigstens noch das Blut“.
Dann setzte er zu einer beißenden Promi-Schelte an („Desiree Nick frisst Maden- das sollte umgekehrt sein“) und bezeichnete Stefan Raab als „lebenden Beweis für die Notwendigkeit der Stammzellenforschung“. Egal, ob er in bestem Schwäbisch Sohn Dennis belehrte oder laut über Geschlechterspezifisches sinnierte („Frauen schnarchen nicht. Macht auch nichts, denn Männer können nicht zuhören“) – seine herzhaften Pointen reizten oft die Schmerzgrenze aus und hatten kein Verfallsdatum. Warum er aber anfangs so nuschelte und mumienhaft steif agierte, das wird er wohl bis ins hohe Alter für sich behalten.