» » » Urban Priol

Urban Priol

eingetragen in: 2006 - 2007 | 0

Von Michael Stukowski, Bocholter-Borkener-Volksblatt
BOCHOLT Urban Priol wollen einfach nicht die Themen ausgehen. „Wir haben erst 13 Tage herum, doch ich könnt‘ erzählen bis März“, verriet er jetzt den Fans in der Bühne Pepperoni. Bei seinem Jahresrückblick „Tilt“ im Stadttheater kam er immer wieder auf Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sprechen.
Besonders ihre Neujahrsansprache („Wir müssen uns alle doppelt anstrengen“) hatte es Priol angetan. „Eigentlich müssten wir jetzt alle mit einem festgetackerten Dauergrinsen herumlaufen“, meinte das Lästermaul mit der Struwwelpeterfrisur. Denn es ginge uns doch super. Das Geld „implodiere“ im Portemonnaie, weil auf das Jahr verteilt jetzt 15 Euro mehr übrig bleiben würden.
Und jeder müsse neuerdings jeden Job annehmen, was besonders altgedienten Boxern wie Axel Schulz zum Verhängnis geworden sei. Auch die Erhöhung des Rentenalters habe seine Auswirkungen. So müsse Johannes Heesters mit seinen 103 Lebensjahren immer noch auf die Bühne, weil er nicht genügend geklebt habe.
Köstlich war es anzusehen, wie flott und prägnant Priol in die unterschiedlichen Häute seiner Lieblingsfiguren schlüpfen konnte. Das markige Lachen und einige knappe Jubelposen reichten aus, um Altbundeskanzler Gerhard Schröder („der Gasableser von Putin“) anzudeuten. Auch wie er mit entrückten Blicken den stammelnden Edmund Stoiber abgab und dessen Neigung, „Worte in Marmor zu meißeln“, ad absurdum führte, war vom Feinsten. Der Münchener Hauptbahnhof, der immer „näher an Bayern heranwachse“, war da nur eine von Stoibers Wortblasen.
Dass Priol hier rollenbedingt inne halten musste, tat gut. Denn der Politclown war permanent in Bewegung, während er mit knorrigen Gesten zum politischen Rundumschlag ausholte und in rasantem Tempo seine Bonmots verteilte. So musste der amüsierte Zuhörer schon genau zuhören, um im Chaos der wohldosierten Übergänge und raschen Themensprünge nicht den Überblick zu verlieren.
Ob es nun um den Politfilz in Bayern ging, um die Vogelgrippe (Zitat Priol: „Ganz Durchgeknallte wollten ihre WC-Enten zum Impfen bringen.“) oder um die Lockerheit der deutschen Fanmeilen, die bereits Wochen nach der Fußballweltmeisterschaft so schnell verblasste: Priol sezierte die deutsche Politik- und Seelenlandschaft nach Herzenslust und garnierte sein bitterböses Wortgift wieder einmal sehr mundgerecht.
Als er laut über die typisch deutsche Gebärträgheit herzog und vorrechnete, dass die Rente proportional zur schwindenden Geburtenrate sinke, verschonte er nicht einmal Ursula von Leyen und ihren „Leyens-Club“. Als „Wurfwunder aus Niedersachsen“ taufte er ironisch die geburtenfreudige Familienministerin.